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Stachelige Gedanken zur Jetzt-Zeit:

„Die Zukunft gehört den Wilden“ sagte ein befreundeter Imker vor langer Zeit zu mir. Gemeint waren in diesem Fall natürlich die Wildbienen, vielleicht auch die verwilderten Honigbienen, so sie denn einen Weg finden, mit der Varroamilbe alleine fertig zu werden – ohne die wohlgemeinte Begiftung durch den Imker.

Dieser Satz ist auch auf andere Mitgeschöpfe übertragbar, er gilt für das Pflanzenreich, die Tierwesen und besonders für uns Menschen. Schau ich in meinen Garten, so zeigt sich die Überlegenheit der Wildheit: wenn ich nicht regelmäßig Giersch rupfen würde und die unzähligen wilden Pflaumenbäumchen, die sich aus herabgefallenen Kernen entwickeln – ich hätte schon längst einen Wildpflaumenwald. Der Rasen – sich selbst überlassen – würde binnen einen Jahres zur Giersch-Wiese werden, mit dem zauberhaften Wiesenschaumkraut durchzogen … und unser Himbeerwald würde sich langsam mit den Brombeeren von der Grundstücksgrenze vereinigen. Das hätte bestimmt seinen Reiz für mich, auch wenn der Streifzug durch den Garten dann mit verschrammten Armen und Beinen einherging – die wilden Pflaumenbäumchen haben übrigens auch Dornen.

Was mich davon abhält sind neben meinem Ehemann und unserem ohnehin sehr nachsichtigen Nachbarn bestimmt auch meine eigenen Muster. Der Kontrollzwang sitzt tief: Wo in unserem Alltag, in unserem Leben wird ein Aspekt wirklich der freien Entfaltung überlassen? Unsere Kinder werden von uns er-zogen und in der Schule derart „gestaltet“, als wären sie leere Leinwände oder mindestens Spalier-Obstbäume. Da die Umgebung für Kinder lauter Gefahren bergen, werden kleinere Exemplare in Laufställe verfrachtet – da können sie sich gleich an die Sicherheit der begrenzten Freiheit gewöhnen. Wir sehen immer mehr domestizierte Tiere – oder auch immer weniger, denn die meisten kommen mittlerweile ihr Leben lang auf keine Weide. Nutztiere und Haustiere in bestimmte Richtungen gezüchtet, womöglich künstlich befruchtet, geimpft, geschwächt und ohne den Menschen kaum mehr überlebensfähig. Dagegen wird das Wilde als Bedrohung bekämpft und zurückgedrängt, Beeren im Wald essen wird uns vergällt durch Geschichten über den Fuchsbandwurm (es gibt einen einzigen dokumentierten Fall), Bärlauch ernten ist vielerorts offiziell verboten. Wenn wir Pflanzen in den entprechenden Supermärkten kaufen, sind es meist Hybride, künstlich erschaffene Pflanzenmischwesen ohne die Fähigkeit, sich fortzupflanzen = energetisch ohne Potenz! Warum werden eigentlich Obstbäume immer veredelt? Was ist mit den alten, kernechten Sorten?

Wir sehen also um uns herum unzählige domestizierte, manipulierte Wesensformen, und die Tendenz geht immer mehr in Richtung Kunstprodukt, immer mehr in Richtung Abhängigkeit und weg von der Natur, das betrifft auch uns Menschen. Die Gründe, warum es so gelaufen ist, sind natürlich vielschichtig. Mag ein gewisser Plan und ganz offensichtlich Gewinnoptimierung dahinterstecken, doch will ich lieber auf unseren eigenen Anteil daran hinweisen, geschuldet verschiedenen inneren Schweinehunden wie der Bequemlichkeit, Gutgläubigkeit und Ängstlichkeit. Wer seinen Anteil nicht annehmen will, begibt sich freiwillig in eine Opferrolle, aus der kein Handeln möglich ist, dafür braucht es die Übernahme der Selbstverantwortung. Bewusstmachung ist der erste Schritt in Richtung Veränderung. Und nach der bewussten Erkenntnis über unsere eigene Domestizierung und den damit einhergehenden Verlust der Durchsetzungskraft, Lebenskraft, Wehrhaftigkeit kurz: Wildheit, können wir damit beginnen, jene zarten Dornen, die sich immer mal wieder an uns zeigen, nicht gleich schamhaft zu entfernen, sondern den Umgang mit ihnen neu zu erlernen, ja sie zu pflegen und zu lieben. Und in nächster Konsequenz auch die Dornen anderer, die uns mal pieksen. Leben ist halt immer ein bisschen lebensgefährlich! Wildpflaumen sind übrigens nicht böse, sie springen nicht durch den Garten und greifen mich an, sondern sie stechen nur, wenn ich ihren Raum durchquere, also eine Grenzüberschreitung begehe.

Wir haben das Jahr 2018. Im Tarot ist die 18. Karte „der Mond“. Sie zeigt den Weg der Intuition auf und der Reise nach innen, der mutigen Annahme der eigenen Schattenseiten und verdrängter Ängste und der Entscheidung, Unterscheidung und Erkenntnis über unsere eigene Zahmheit und Wildheit, auf der Tarotkarte dargestellt durch den Hund links und den Schakal rechts des Weges. Diese Entscheidung muss ein jeder in diesem Jahr selber treffen, ob er Hund oder Schakal sein will, unfruchtbarer Hybrid oder dornige Wildpflaume.

Von Herzen,

Gesina

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